Coming Out – Happy End?

Von anonym

Der folgende Text ist eine persönliche Reflexion einer*s Teilnehmer*in des Seminars zum Text „My Body, My Closet: Invisible Disability and the Limits of Coming-Out Discourse“ von Ellen Samuels (1). Das Thema beHinderung und Intersektionalität wurde im Seminar behandelt. Es geht um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen unsichtbaren beHinderungen und sexuellen Orientierungen in Bezug auf Coming Out.

In meinen Jugendjahren, als ich gerade dabei war mir meine Queerness selbst einzugestehen und diese zu erkunden, habe ich sehr viele Medien mit LGBTQ*-Inhalten konsumiert. Dabei habe ich mir beispielsweise ganze Listen angefertigt, mit queeren Buchvorschlägen aus dem Internet. Mit diesen Listen bin ich dann teilweise bis in die nächste Großstadt gefahren, um im dortigen englischen Buchladen ebenjene Bücher zu suchen. Ich habe auch fremdsprachige Serien mit von Fans übersetzten Untertiteln nur wegen einem*r queeren Charakter*in angeschaut, einfach weil es damals noch nicht so viele zugängliche Geschichten über Menschen wie mich gab. Die Storylines endeten oft tragisch, doch wenn sie das nicht taten, dann liefen sie meistens so ab: Der*die Hauptcharakter*in geht anfangs davon aus „normal“ zu sein, dann verliebt er*sie sich in eine Person des gleichen Geschlechts. Dies führt zu einer Identitätskrise, die den Hauptkonflikt der Geschichte ausmacht, bevor er*sie am Ende zu seiner*ihrer Identität und Liebe steht und das in Form eines Coming Outs der ganzen Welt zeigt. Happy End.

Dass sich die Realität nicht ganz so simpel und linear gestaltet, wurde mir in den darauffolgenden Jahren klar, in denen ich mich nicht nur einmal, sondern immer wieder vor verschiedenen Personen outete. Zusätzlich sah ich mich jedoch auch mehr und mehr mit einer ganz anderen Form des Outings konfrontiert. Denn sobald ich Menschen näher kennenlernte, musste ich mir die Frage stellen, ob und wann ich ihnen von meiner chronischen Panikstörung und Agoraphobie erzähle.

Inwiefern diese Prozesse des Coming Outs von queeren Menschen und Personen, die eine invisible disability (= Behinderungen oder chronische Krankheiten, die nach außen hin nicht sofort „sichtbar“ sind) haben, vergleichbar sind, erörtert Ellen Samuels in ihrem Artikel „My Body, My Closet: Invisible Disability and the Limits of Coming Out“. Sie legt dabei besonderes Augenmerk auf die Erfahrungen von femme lesbians (= lesbische Personen, die von der Gesellschaft aufgrund ihres Aussehens, das in die gesellschaftlichen Konzeptionen von Weiblichkeit passt, nicht direkt als lesbisch gelesen werden) und Menschen mit invisible disabilities.

Da beide Kategorien auf mich zutreffen, hat mich das Lesen von Samuels Artikel dazu angeregt, meine eigenen Erfahrungen zu reflektieren. Einige dieser Gedanken möchte ich nun mithilfe von Samuels Argumenten teilen.

In ihrem Artikel diskutiert Samuels zunächst allgemein, inwieweit die Erfahrungen von queeren Menschen und Personen mit disabilities vergleichbar beziehungsweise nicht vergleichbar sind. Dabei merkt sie an, dass die Kategorien der sexuellen Identität und der disability mehr miteinander gemein haben als mit anderen sozialen Kategorien wie race oder Geschlecht (vgl. Samuels 2003: 316). Denn anders als bei den beiden letzteren genannten Kategorien, bei denen Personen von vornherein unterschiedlichen Unterkategorien zugeordnet werden (z.B. weiß/schwarz, weiblich/männlich), wird bezüglich invisible disability und sexueller Identität meist nur ein Label vorausgesetzt (heterosexuell, non-disabled) (vgl. ebd.: 317).

Dieser automatischen sozialen Zuschreibung kann dann nur durch eine Klarstellung der eigentlichen Identität beziehungsweise mithilfe eines Coming Outs entgegengewirkt werden (vgl. ebd.). Das Coming Out stellt für Samuels jedoch kein singuläres oder lineares Ereignis dar (vgl. ebd.: 319). Vielmehr macht sie zwei Komponenten aus. Als erste Komponente benennt die Autorin das „Sich vor anderen outen“, also die konkreten Situationen, in denen man sich anderen offenbart (vgl. ebd.). Die zweite Komponente entspricht dem „Sich vor sich selbst outen“, also dem Prozess der Realisation und Akzeptanz der eigenen Identität (vgl. ebd.).

Dieser Konzeption des Coming Outs als Kombination zweier unterschiedlicher Prozesse kann ich zustimmen. Denn allein zwischen meinem ersten Verdacht, dass ich mich vielleicht zu Mädchen hingezogen fühlen könnte und dem Punkt, an dem ich mir überhaupt erlaubt habe, weiter darüber nachzudenken, lagen Jahre. Bis ich mich so wohl und sicher mit meiner sexuellen Orientierung gefühlt habe, dass ich mich anderen anvertrauen wollte, vergingen weitere Jahre. Und selbst zu diesem Zeitpunkt war mein innerer Prozess der Selbstakzeptanz noch lange nicht abgeschlossen.

Auch als ich dann glücklich in einer Beziehung war, gab es immer noch Momente, in denen ich mir dachte, dass vieles so viel einfacher wäre, wenn ich „normal“ wäre. Vor allem wenn die Angst vor den Reaktionen anderer die eigentlich schönen Gefühle des Verliebtseins überdeckten. Und selbst heute sehe ich mich noch regelmäßig mit Coming Outs konfrontiert. Denn im Prinzip muss ich vor fast jeder neuen Person, die ich kennenlerne und der ich von meiner Freundin erzähle, früher oder später irgendwie klarstellen, dass es sich dabei nicht um meine beste Freundin handelt.

Meine Coming Out Prozesse bezüglich meiner chronischen Krankheit haben sich in gewisser Weise ähnlich und doch noch weitaus weniger linear gestaltet. Meine Panikstörung kam zu einem ähnlichen Zeitpunkt auf wie meine ersten Vermutungen bezüglich meiner sexuellen Orientierung: in meinen frühen Jugendjahren. Doch während ich alle Gefühle bezüglich meiner Sexualität erstmal für mich behalten und in meinem Tempo bearbeiten konnte, sah das mit meiner Krankheit anders aus. Alle Personen aus meinem sozialen Umfeld erfuhren davon, ohne dass ich irgendeine Kontrolle darüber hatte, wem ich davon erzählen wollte und wem nicht.

Diese Erfahrung führte rückblickend wahrscheinlich dazu, dass ich den Rest meiner Schulzeit damit verbrachte, diese Kontrolle wieder zurückzugewinnen, indem ich versuchte, so „normal“ wie möglich zu wirken. Hierfür eignete ich mir viele Strategien an, um die Auswirkungen meiner Krankheit keinesfalls nach außen zu zeigen. Eine solche Art der Anpassung beschreibt Samuels mit dem Begriff passing. Dieser beschreibt die Möglichkeit von der Gesellschaft als „normal“, also beispielsweise als nicht-disabled oder heterosexuell wahrgenommen zu werden (vgl. ebd.: 320f).

Das Konzept entspricht einer weiteren Gemeinsamkeit zwischen den Kategorien der sexuellen Identität und der invisible disability. Dessen Beurteilung und Auffassung stellt die Autorin jedoch als sehr vielschichtig und umstritten dar (vgl. ebd.). Denn die Möglichkeit zu haben, von der Gesellschaft als „normal“ wahrgenommen zu werden, geht mit dem Privileg einher, Diskriminierungen entgehen zu können. Dies ist Personen, die als queer beziehungsweise disabled gelesen werden nicht möglich (vgl. ebd.: 321). Aus diesem Grund wird das passing oft als assimilierend und negativ gewertet (vgl. ebd.).

Samuels kritisiert dieses Argument, indem sie darauf hinweist, dass es die zwei Dynamiken des gewollten und automatischen passing vermischt (vgl. ebd.: 322). Aus diesem Kritikpunkt leitet die Autorin schließlich auch den für sie entscheidenden Unterschied zwischen den Erfahrungen von queeren Personen und Menschen mit einer invisible disability ab, welchen sie in den Konsequenzen und Bedeutungen eines Coming Outs sieht (vgl. ebd.: 322ff). Denn während verbalen und nonverbalen Hinweisen darauf, queer zu sein, weitestgehend Glauben geschenkt wird, wird eine disability meist nur gesellschaftlich anerkannt, wenn diese sichtbar ist (vgl. ebd.).

Persönlich sehe und profitiere ich auf jeden Fall von den Privilegien des passings. Beispielsweise kann ich mich einer potenziell gefährlichen Situation allein dadurch entziehen, dass man mir meine sexuelle Orientierung nicht „ansieht“. Außerdem kann ich selbst entscheiden, wem ich von meiner Erkrankung erzähle und wem nicht. Dadurch werde ich nicht sofort von jeder Person, der ich begegne, in eine bestimmte Schublade gesteckt oder anders behandelt. Aus diesem Grund möchte ich meine folgenden Erfahrungen auch nicht mit den Erfahrungen sichtbar queerer und disabled Personen gleichsetzen, denn mir ist bewusst, dass diesen viele meiner Privilegien nicht zugänglich sind.

Trotzdem gibt es, wie Samuels schreibt, auch bestimmte Nachteile des passings. Hierbei stimme ich ihr auch zu, dass sich die daraus abzuleitenden Konsequenzen eines Coming Outs ab einem gewissen Punkt zwischen den Kategorien der sexuellen Orientierung und der invisible disability unterscheiden. So besteht zwar in beiden Fällen die Möglichkeit, dass die eigene Identität abgewiesen wird, der sexuellen Orientierung an sich wird jedoch meistens Glauben geschenkt.

In dieser Beziehung habe ich eher die Erfahrung gemacht, dass ein „subtiles“ Outing nicht verstanden wird. So denkt unsere Nachbarin wahrscheinlich immer noch, dass meine Freundin und ich in einer WG leben, obwohl wir ihr auf Nachfrage bereits erklärt haben, dass wir zusammenwohnen. Unsere sexuelle Orientierung wird uns dadurch nicht abgesprochen, sie wird uns aufgrund festsitzender heteronormativer Vorstellungen gar nicht erst zugesprochen.

Bezüglich eines Outings meiner invisible disability muss ich zusätzlich zur möglichen Abweisung auch damit rechnen, dass meine Krankheit verharmlost oder mir gar abgesprochen wird. Denn unsere Gesellschaft nimmt psychische Krankheiten noch immer nicht so ernst wie sichtbare, körperliche Krankheiten. Das merke ich bereits an meinem Umgang mit mir selbst. So fällt es mir meist schwer, meine Grenzen als Symptome meiner Krankheit anzuerkennen und nachsichtig mit mir zu sein. Stattdessen sehe ich diese häufig als persönliche Schwächen an und gebe mir selbst die Schuld dafür, nicht so viel leisten zu können wie andere.

Das äußert sich auch darin, dass es mir immer noch schwerfällt, den Begriff disabled überhaupt für mich beanspruchen zu dürfen. Und das, obwohl es mir meine Panikattacken meistens fast unmöglich machen, meine Wohnung allein zu verlassen. In dieser Hinsicht befinde ich mich, auch nach all den Jahren, die mich meine Krankheit schon begleitet, immer noch ziemlich am Anfang dieses Outingprozesses mir selbst gegenüber. Dementsprechend fällt es mir auch noch sehr schwer mich diesbezüglich anderen Menschen zu öffnen.

Doch ich merke auch, wie es mir nicht guttut, permanent passing auszuüben. Denn dadurch reize ich meine Grenzen permanent aus, ohne mir selbst und anderen die Chance zu geben, diese zu respektieren.

Samuels beendet ihren Artikel mit einer positiven Perspektive auf passing als Subversion. Hierbei schließt sie, dass das Konzept die Grenzen sozialer Kategorien aufzeigt und hervorhebt, dass diese viel instabiler sind, als viele denken (vgl. ebd. 328f). Ich versuche für mich daraus zu folgern, dass ich mich vielleicht weniger mit der Frage beschäftigen sollte, ob ich nun disabled genug bin oder nicht. Stattdessen sollte ich meine eigenen Grenzen und Erfahrungen als berechtigt anerkennen, unabhängig davon, in welche Kategorien sie passen oder nicht.

  1. Samuels, Ellen Jean (2003): „My Body, My Closet: Invisible Disability and the Limits of Coming-Out Discourse.“ GLQ: A Journal of Lesbian and Gay Studies 9, no. 1 (2003): 233-255.