Dick und gesund

Von Luisa Gerdsmeyer

Die Autorin Luisa Gerdsmeyer beschäftigt sich in ihrem Blogbeitrag zu der Sitzung „Lookismus“ mit der Diskriminierung von dicken Menschen, vorherrschenden Ideen von Gesundheit und Fat Aktivismus.

Wir kennen es wahrscheinlich fast alle: das Hadern mit dem eigenen Körper, das schlechte Gewissen nach dem Essen, das Unwohlsein und Vergleichen, die Angst, nicht schön, nicht fit oder nicht leistungsfähig genug zu sein. Diese kollektiven Erfahrungen deuten darauf hin, dass es sich um eine machtvolle soziale Normierung von Körpern handelt, bei denen dünne Körper auf- und dicke Körper abgewertet werden. Dieses System führt dazu, dass viel zu viele Menschen ein schlechtes Verhältnis zu ihrem Körper haben, sich unwohlfühlen und wiederum andere Körper nicht gut behandeln oder wertschätzen können. Es sind zwar prinzipiell alle von dieser Normierung und dem dahinterliegenden System der Abwertung betroffen, da anhand der Nähe zu einer dünnen Norm Privilegierungen und Diskriminierungen stattfinden, jedoch sind die negativen Folgen dessen zulasten dicker Menschen ungleich verteilt.

Doch was steckt dahinter? Welche Vorstellungen haben wir als Gesellschaft von „guten“ und „schlechten“ Körpern? Und wie werden sie gerechtfertigt und rationalisiert?

Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Vorstellung, ein Körper könne allein aufgrund seines Gewichts oder Aussehens als gesund oder ungesund klassifiziert werden.

„Für dick_fette Menschen ist gesund zu sein […] eine moralische Pflicht, die wir der Gesellschaft schuldig sind. Ständig werden wir darauf aufmerksam gemacht, wie sehr unsere Körper die Gesundheitskassen des Landes belasten (werden). In dieser Denke stellen wir keinen Mehrwert dar. Wir sind eine finanzielle, soziale und ästhetische Last. Werden diese Menschen deswegen so wütend über meine Dreistigkeit, nicht dünn zu sein? Haben sie Angst, für mich aufkommen zu müssen, für meine ‚Ausschweifungen‘ zahlen zu müssen? Sie agieren, als würde mein Bauchspeck ihnen persönlich etwas wegnehmen. So werden dick_fette Menschen zur Gefahr für alle stilisiert, gegen die sie sich wehren müssen.“

Melodie Michelberger: Body Politics, S. 101 f.

„Vielleicht versuchen Sie erstmal ein paar Kilo abzunehmen.“ – diesen Satz bekommen viele dicke Menschen zu hören, wenn sie zur*m Ärzt*in gehen, ob mit Kopf- oder Rückenschmerzen, Erschöpfung oder anderen Symptomen. Die Überzeugung, Dicksein sei ungesund ist tief in unsere gesellschaftlichen Vorstellungen von Gesundheit eingeschrieben. Doch diese Vorstellung kann die Stigmatisierung und Diskriminierung dicker Menschen vorantreiben und scheinbar rechtfertigen. Und so auch zum Risiko für ihre Gesundheit derer werden, die ja vermeintlich geschützt werden soll.

„Ungebetene Diättipps von medizinischem Personal, das keine Ahnung davon hat, wie viel ich mich bewege, wie ich mich ernähre, wie ich lebe, nerven. Ich will am liebsten schreien: „Bitch, ich weiß, wie maus abnimmt, ich hatte den Großteil meines Lebens eine Essstörung.“

Doch jene falschen Annahmen sind nicht die Hauptsache; das sind solche Fälle, in denen dicke Menschen statt der Krebsdiagnose von Ärzt_innen den Ratschlag bekommen, ihr Gewicht zu reduzieren.“

taz-Kolumne Habibitus(öffnet in neuem Tab)taz.de/Corona-und-Uebergewicht/!5765540/

So schreibt Hengameh Yaghoobifarah in der taz-Kolumne Habibitus. Nicht nur werden dicke Menschen im medizinischen Bereich mit ihren Symptomen nicht ernstgenommen, da diese auf das Dicksein als Ursache geschoben werden, was zu gefährlicher Fehldiagnostik und dem Übersehen ernsthafter Krankheiten führen kann. Sie werden häufig auch für ihre eigenen Schmerzen, und körperlichen sowie psychischen Leiden selbst verantwortlich gemacht – nach dem Motto „Hätte ja mal etwas weniger essen, oder sich mehr bewegen können“. Solche Einstellungen sind gefährlich und diskriminierend, aber leider weit verbreitet. Studien zeigen, dass Ärzt*innen mit dicken Patient*innen weniger Zeit verbringen und weniger patient*innenorientiert kommunizieren. Außerdem werden dicken Patient*innen Diäten empfohlen, wenn dünne Patient*innen mit Medikamenten behandelt werden. So eine diskriminierende Behandlung dicker Menschen im Gesundheitswesen kann auch aus dem Grund zu einer Gefahr für ihre Gesundheit werden, weil die Inanspruchnahme von medizinischer Behandlung zu einer großen Überwindung wird. Wenn mensch bei Ärzt*innen immer wieder stigmatisierende Kommentare, übergriffige Empfehlungen oder Abwertung des eigenen Körpers erlebt, muss der Leidensdruck noch ein Stück größer sein, bevor mensch sich entscheidet, sich untersuchen zu lassen. Doch nicht nur soziale Aspekte wie diskriminierendes Verhalten durch medizinisches Personal, sondern auch physische Barrieren können dazu führen, dass dicke Menschen sich seltener in Behandlung begeben. Zu kleine OP-Kleidung, zu enge Manschetten von Blutdruckgeräten, Stühle mit engen Armlehnen oder instabile Betten und Liegen führen dazu, dass dicke Menschen gar nicht erst die Möglichkeit haben, sich untersuchen und behandeln zu lassen oder durch Scham davon abgehalten werden.

Die Stigmatisierung dicker Körper kann auch dazu führen, dass dicke Menschen ein problematisches Verhältnis zur Nahrungsaufnahme entwickeln und so eine Gefahr für ihr Wohlergehen sein. Viele dicke Menschen ernten abschätzige Blicke, wenn sie in der Öffentlichkeit Lebensmittel zu sich nehmen, die als ‚ungesund‘ markiert werden. Es kann ein generelles Schamgefühl beim Essen und ein gestörtes Verhältnis zu den eigenen (Grund-) Bedürfnissen entstehen und der Genuss am Essen verloren gehen. Friedrich Schorb beschreibt in seinem Buch Die Adipositas Epidemie als politisches Problem. Gesellschaftliche Wahrnehmung und staatliche Intervention, dass viele Menschen beim Essen immerzu ein schlechtes Gewissen haben und nicht auf ihr Hungergefühl, sondern auf ihre „Kalorientabelle im Kopf hören.“ (S.59) Dann essen sie nicht die Menge, die ihren Bedürfnissen entspricht, sondern die, die sie für sozial erwünscht und angemessen halten. Auch Essstörungen können durch Scham beim Essen hervorgerufen werden. Doch ein restriktives Essverhalten, das bei dünnen Menschen als besorgniserregend eingestuft werden würde, wird bei dicken Menschen eher akzeptiert und für normal oder sogar begrüßenswert befunden. Doch statt als ‚Dickmacher‘ zu gelten sollte Essen vielmehr als das gesehen und behandelt werden, was es ist: Energiezufuhr und Genuss, eine Möglichkeit, dem Körper etwas Gutes zu tun.

Auch das Verhältnis zu Sport und Bewegung kann durch seine enge Verknüpfung mit den Themen Gewicht und Gesundheit in eine Richtung bewegen, die wenig mit Spaß, sondern vielmehr mit Schuldgefühlen, Versagensangst und gefühlten Misserfolgen zu tun hat. Die Kopplung von Sport und Bewegung mit dem Ziel eines Gewichtsverlustes kann schnell zu einer nachlassenden oder verschwindenden Motivation führen, wenn sich der Gewichtsverlust nicht einstellt. Wäre die Bewegung jedoch nicht mit dem Gewicht gekoppelt, sondern eher mit dem Ziel verbunden, sich etwas Gutes zu tun und dabei Spaß zu haben, könnte die Freude daran auch unabhängig von der Entwicklung des Gewichts bestehen bleiben.

Der gesellschaftliche Druck, sich als fit, gesund und dünn zu präsentieren, passt in ein individualisiertes neoliberales Selbstoptimierungsdenken, das in einem kapitalistischen System letztlich dazu führen soll, dass die Menschen gesund bleiben, um arbeiten und produktiv sein zu können. Gleichzeitig wird dieser Druck zur Profitmaximierung genutzt: Werbung, Fernsehsendungen, Zeitschriften und vieles mehr suggerieren uns immer wieder, dass unser Körper nicht okay ist, wir abnehmen sollten und bedienen dabei einen riesigen Markt. Große Konzerne wie Weight Watchers, Nahrungs-, und Sportartikelhersteller, Anbieter von Fitness- und Diätprodukten – sie alle profitieren von der Normierung und Disziplinierung von Körpern. Die Selbstoptimierung wird zur vermeintlichen Pflicht und zu einem riesigen, erfolgversprechenden Geschäftsmodell.

Um der Diskriminierung dicker Menschen, die mit der Verknüpfung von Gewicht und Gesundheit einhergeht, entgegenzuwirken wurde das Modell health at every size entwickelt. Es beinhaltet ein alternatives Verständnis von Gesundheit, das von dem Körpergewicht entkoppelt ist und sich mehr auf das allgemeine Wohlbefinden einer Person konzentriert. Diesem Verständnis zufolge sagt das Gewicht nichts über die Gesundheit einer Person aus. Die Gesundheitsförderung und –vorsorge soll somit den Body Mass Index als Parameter von Gesundheit verwerfen.

Der Body Mass Index bezeichnet den Quotienten aus Körpergewicht und Körpergröße zum Quadrat (kg/m²) und wird herangezogen, um die Körper von Menschen als normal-, über- und untergewichtig zu klassifizieren. Seine Entstehung durch den Physiker und Statistiker Adolphe Quélet wurde jedoch gar nicht mit gesundheitlichen Aspekten verbunden, sondern er interessierte sich lediglich für Wahrscheinlichkeitsrechnung und Normalverteilungen. Von Gesundheitsbehörden, zuerst in den USA später auch in anderen Ländern und international durch die WHO, wurde das Konstrukt dann übernommen, um Über-, Unter- und Normalgewicht festzulegen. 1995 wurden die gesetzten Grenzwerte durch die WHO verschärft, was dazu führte, dass viel mehr Menschen plötzlich als übergewichtig galten, ohne dass sich an ihrem Gewicht oder Körperbau etwas geändert hätte. Es handelt sich also um mehr oder weniger willkürlich gesetzte Grenzwerte, die eine große Deutungsmacht über die vermeintliche Gesundheit von Menschen und die Markierung von „guten“ und „schlechten“ Körpern hat. Anhand des BMI werden Körper sogar pathologisiert und ab einem gewissen Wert als adipös eingestuft. Für diese Pathologisierung ist dabei unerheblich, ob die betreffende Person gesundheitliche Einschränkungen oder Leiden empfinden. Die „Krankheit“ bildet allein ihr Gewicht.

Doch auch an dem Ansatz health at every size gibt es Kritik: Wenn das Ziel ist, das Dicksein dadurch zu entstigmatisieren, dass es nicht mehr mit dem Ungesundsein gleichgesetzt wird – was ist dann mit den dicken Menschen, die sich nicht als gesund präsentieren können? Der Maßstab des Gesundseins wird in dem Konzept health at every size beibehalten und dabei bloß auf eine größere Gewichtsspanne ausgeweitet. Es besteht die Gefahr, dass der Fat Aktivismus, der sich darauf konzentriert, dicke Körper aufzuwerten, indem ihrer Markierung als ungesund entgegengewirkt wird, Ausschlüsse produziert. Gerade solche Körper, die in mehrerer Hinsicht und mit Bezug auf ihre Gesundheit von der Norm abweichen und nicht allein aufgrund ihres Gewichts, finden in dieser Strategie keinen Platz. „This creates fat activism that quickly becomes intolerable and untenable for many people including those who are superfat, unfit, unhealthy, or chronically ill.“ So beschreibt es Charlotte Cooper in ihrem Buch Fat Activism. A radical Social Movement (S.185).

Fat Aktivist*innen fordern stattdessen, die grundsätzliche Hinterfragung der gesellschaftlich dominanten Vorstellungen von einem guten und lebenswerten Leben, dem Druck, sich als fit und gesund zu präsentieren und den Anforderungen, die das neoliberale und dickfeindliche System an uns richtet. Hier lässt sich auch eine Verbindung des fat- und disability Aktivismus herstellen. Alle Körper in ihrer Diversität gelten als gleichwertig – unabhängig davon, wie normschön, groß, klein, dick, dünn und vor allem wie „funktionsfähig“ sie sind. Die Gesundheit der Einzelnen wird als moralische Pflicht dekonstruiert. Sie liegt weder allein im individuellen Einflussbereich, sondern wird unter anderem sozial konstruiert, noch sollte sie als Kriterium für den Wert eines Menschen gelten.