Männlichkeit(en) – „toxisch“ oder kritisch?

Von anonym

Im folgenden Textbeitrag berichtet der*die Autor*in von den Erkenntnissen aus und Erfahrungen und Relexionen im Workshop zu kritischen Männlichkeiten, den Blu Doppe (queer_topia*) im Rahmen des Seminars durchgeführt hat. Der Workshop war durch interaktive Teilnahme, kollektive und individuelle Reflexion, Austausch und Diskussion geprägt. Im Gegensatz zu vielen anderen Themen, die im universitären Kontext behandelt werden, ging es vor allem auch explizit um persönliche Umgänge und Zugänge zu Machtdynamiken und Privilegien.

Was ist denn das Problem mit „toxischer Männlichkeit“?

Zur Vorbereitung des Workshops wurde ein Text gereicht, der den Begriff toxische Männlichkeit kritisiert. Beim Lesen des Textes wird deutlich, was das Problem mit Männlichkeit ist und wieso kritische Männlichkeit ein Weg aus der Machtdynamik ist. Aber von vorne: „Toxische Männlichkeit“ wird häufig benutzt, um offensichtlich aggressives, besitzergreifendes, gewalttätiges (männliches) Verhalten zu markieren und zu kritisieren. Gleichzeitig steht es somit im Kontrast zu einem aktuell (unter anderem neoliberal motivierten) modernen Männlichkeitsbild von einem Mann der Emotionalität zulässt, gewisse Softskills beherrscht und nicht gänzlich einem idealtypischen machohaften Männlichkeitsbild entspricht. Die Autorin Ulla Wittenzelner sieht hier gleich zwei problematische Tendenzen. Einerseits bedienen sich die typischen Bilder der toxischen Männlichkeit auch klassistischer Stereotype, die einen gewalttätigen, um Macht ringenden und kämpfenden Mann (1) darstellen, während das vermeintliche Gegenteil der rhetorisch geschickte, emotional geschulte und ökonomisch erfolgreiche Mann sei.

Hierbei werden sehr klassenspezifische Rollen eines vermeintlich prekären Mannes gegen einen Mann aus der Mittelschicht gezeichnet, was sich klassistischer Stereotype bedient, die Fragen von männlichen Privilegien zu Klassenfrage macht und naturalisiert. Auch die Idealtype der modernen, urbanen Männlichkeit sind durch patriarchalen Strukturen gegenüber Frauen und LGBTIQ+ strukturell privilegiert. Dominanz, Unabhängigkeit und Souveränität sind weiterhin von zentraler Bedeutung für Männlichkeit und auch eine gewisse Machtposition (in sozialen Beziehungen) – unter anderem wegen materiellen Ungleichheiten – ist weiterhin an der Tagesordnung. Insofern wirbt Ulla Wittenzellner (2021: 18 -19) (2) für eine kritische Auseinandersetzung mit allen Formen von männlicher Dominanz, Gewalt und Unterdrückung, auch wenn sie die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Formen unterstreicht und in dem Artikel sagt, dass beispielweise eine weniger physisch gewalttätige Männlichkeit Familie und Beziehungen entlasten kann.

Auch Blu Doppe machte im Workshop deutlich, dass der Begriff „toxic masculity“ eigentlich von der amerikanischen Rechten kommt und offensichtlich gewaltvolles, ausschließlich einer bestimmten Klasse zugehörigen bzw. rassifizierten Männern zugeschriebenes Verhalten kritisiert, aber gleichzeitig ein traditionelles, „gentlemenhaftes“, nicht weniger sexistisches Männlichkeitsideal stilisiert und reproduziert.

Was ist nun kritische Männlichkeit?

Kritische Männlichkeit setzt bei Wittenzellners und Doppes Kritik an und soll letztendlich alle Formen männlicher Privilegien als strukturell gewalttätig und dominant kritisieren. Hierbei geht es auch um eine selbstreflexive Betrachtung der individuellen Verbundenheit mit gesellschaftlichen Machtstrukturen. Freilich profitieren viele (nicht nur Männer) von patriarchalen Strukturen und ferner sind alle innerhalb dieser sozialisiert. Insofern gibt es keine Formen von Männlichkeit, die außerhalb dieser hierarchisch geordneten Subjektpositionen im Hinblick auf Geschlecht stehen.

Blu Doppe wollte im Workshop dafür sensibilisieren, dass männliche Privilegien in jeglichen gesellschaftlichen Räumen und Beziehungen greifen und weder beim Putzplan innerhalb der Wohngemeinschaft, auf dem Dancefloor, in Freundschaften, noch in Bildungsinstitutionen, in der Politik und in der Wirtschaft aufhören. Dabei ist die Frage der Reflexion dieser Privilegien bedeutend und insofern stellte der Workshop einen Rahmen da, Erfahrungsaustausch und Lösungsstrategien zu diskutieren. Es geht also darum, patriarchale Strukturen im Alltag sichtbar und kritisierbar zu machen.

  1. Die kursive Schreibweise soll verdeutlichen, dass es hier um idealtypische und politisch markierte Beschreibungen geht, die in gewisser Weise die Extremform gesellschaftlicher Zustände und eine Art kollektive Identität darstellen. Kein Individuum entspricht genau diesem Ideal, sondern es fungiert als kollektive und individuelle Identitätsfigur.
  2. Wittenzellner, Ulla (2021): »Toxische Männlichkeit – ein problematisches Konzept?«, Boykott Magazin 2021, S. 18- 19.