Pride for every body? Was schwule Körperideale mit Lookismus zu tun haben

Von Carlo Backes

Der folgende Text ist ein Blogbeitrag von Carlo Backes zu schwulen Körperidealen und Lookismus. Das Thema Lookismus wurde im Seminar behandelt. Es geht um Körperideale von schwulen Männern und verschiedene Erklärungsansätze für ihre Entstehung.

In schwul cis-männlichen Kreisen gilt das Ideal des möglichst maskulinen, muskulösen und weißen Körpers. Doch woher kommt der Drang nach Muskeln und inwiefern unterscheidet er sich von heterosexuellen Männern? Und was hat die AIDS-Krise damit zu tun?

Die Sommermonate sind für viele queere Personen geprägt von CSD-Paraden, bei denen in vielen Städten auf der Welt für die Rechte von LGBTIQ*-Menschen demonstriert und geschlechtliche Vielfalt zelebriert wird. Im Jahr 2020 grassiert jedoch eine globale Pandemie, Großveranstaltungen können nicht stattfinden und der Pride Month findet an vielen Orten nur auf Social Media statt. Zu dieser Zeit postet der Comiczeichner Moss Bastille eine Illustration, die nahezu 120.000 Likes erhält und über 1.400 Mal kommentiert wird. Auf der Illustration ist eine Gruppe halbnackter Männer zu sehen, die auf einem Eisberg stehen und feiern. Unter der Wasseroberfläche zieht sich der Eisberg weit nach unten. Auch dort sind Personen zu sehen – sie krallen sich jedoch am Eisberg fest und versuchen, irgendwie nach oben zu gelangen. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen wird schnell deutlich: oben feiern weiße, muskulöse und maskuline Männer und unten klammern sich Menschen mit unterschiedlichen Körperformen, Hautfarben und Geschlechtern an der rutschigen Oberfläche des Eisbergs fest. Die Bildunterschrift verdeutlicht die Kritik des Künstlers:

„A reminder that Pride is for every body – muscular/White/cis male is just the tip of the iceberg. There are many ways to be beautiful as there are souls in the world. If you are in a position of privilege, use it as a weapon against oppression and erasure. No one is free until everyone is. Happy Pride, y’all”.

Moss Bastille, https://www.instagram.com/p/CB8g9fNjvsZ/

Die Illustration knüpft an eine Beobachtung an, die nicht nur auf dem CSD zu finden ist: In der queeren Öffentlichkeit sind vor allem muskulöse, schwule Männer sichtbar. Und so richtig schwul ist man erst, wenn man auch die richtige Körperform hat. Auf Plakaten, in Serien, in Clubs, auf Social Media oder den Datingplattformen: Der muskulöse, hypermaskuline, junge, weiße, able-bodied cis Mann scheint allgegenwärtig und ist das schwule Ideal, an dem sich der Rest messen lassen sollte.

Was Moss Bastille hier kritisiert, lässt sich auch gut mit dem Begriff Lookismus erklären. Dieser beschreibt die Diskriminierung von Personen, deren Körper oder einzelne körperliche Merkmale von der gesellschaftlichen Norm abweichen. Je nach Kontext können einzelne Körpermerkmale positiv oder negativ bewertet werden, woraufhin der Wert der gesamten Person auf Grundlage dieser Bewertung festgelegt wird. Auch werden Personen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die nur anhand von einzelnen körperlichen Merkmalen festgemacht werden. Das naheliegendste Beispiel ist vielleicht das Vorurteil, dass dicke Menschen grundsätzlich einen ungesunden Lebensstil führen (zur Diskriminierung von dicken Menschen aufgrund vermeintlicher Gesundheitsaspekte und dessen Folgen hat Luisa Gerdsmeyer einen sehr lesenswerten Blogbeitrag geschrieben).

Wenn man den Lookismus-Begriff nun auf die Illustration von Moss Bastille anwendet, wird nochmals deutlich, was die Personen über und unter der Wasseroberfläche voneinander unterscheidet: Es sind vor allem körperliche Merkmale. Hast du Muskeln? Dann kannst du oben feiern. Bist du weiß und wirst männlich gelesen? Dann darfst du ebenfalls nach oben, in den sichtbaren Bereich. Bist du jedoch Schwarz oder PoC, wurde dir bei der Geburt das falsche Geschlecht zugeordnet, stellst du mit deiner Identität das binäre Geschlechtersystem auf die Probe – dann geht’s nach unten. Die Körper der Personen, die eigentlich zusammen für queere Emanzipation auf die Straße gehen und an einer Pride Veranstaltung teilnehmen, werden entlang rassistischer, transfeindlicher, sexistischer und letztendlich lookistischer Strukturen hierarchisiert.

Warum ist das so? Wie hat sich dieses Idealbild des muskulösen Mannes in schwulen Kreisen etabliert und inwiefern unterscheidet es sich überhaupt von gesamtgesellschaftlichen Körpernormen? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt zunächst ein Blick in Studienergebnisse aus der Psychologie. Zwei Wissenschaftler*innen der Universität Osnabrück haben 2019 eine Überblicksstudie über mögliche Unterschiede bei homosexuellen und heterosexuellen Männern in Bezug auf Körperbilder und Essstörungen veröffentlicht. Nach der Untersuchung sämtlicher vergleichender Studien aus den vergangenen Jahren hat sich herausgestellt, dass – entgegen dem Eindruck bisheriger Forschungsergebnisse – kein insgesamt negativeres Körperbild bei homosexuellen Männern zu finden ist. Laut der Studie kann ausschließlich von Hinweisen oder Trends gesprochen werden, dass einzelne Aspekte des Körperbildes bei homosexuellen Männern negativer ausgeprägt sind. Dazu zählt zum Beispiel ein stärkeres Schlankheitsstreben. Bei der Mehrzahl anderer untersuchter Aspekte, wie zum Beispiel eine Überschätzung der eigenen Körpermaße, gibt es keine signifikanten Unterschiede.

Eine andere Perspektive auf das Thema nimmt eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2016 ein. Hier wurden schwule Männer befragt, ob sie bereits gewichtsbezogene Stigmatisierungen (auch Bodyshaming genannt) erlebt haben. Von den 181 teilnehmenden schwulen Männern gaben ein Drittel an, Bodyshaming bereits erlebt zu haben und zwei Drittel berichteten zudem, bereits Zeuge eines solchen Verhaltens gewesen zu sein. Diese Situationen wurden insbesondere in Clubs, auf Partys und in Bars beobachtet und somit dort, wo potentiell nach romantischen Partner*innen gesucht wird. Im zweiten Teil der Studie wurden sowohl schwule als auch heterosexuelle Männer gefragt, ob und welches Verhalten sie erwarten würden, wenn eine dicke Person eine schlanke Person in einer Bar ansprechen würde. Die 197 befragten Männer sollten einschätzen, ob die schlanke Person auf die potentiell romantische Situation eingeht, diese höflich ablehnt oder gar explizit aufgrund des Gewichts abwehrend reagiert. Dabei kam heraus, dass die heterosexuellen Männer es als wahrscheinlicher ansahen, dass die schlanke Person ihre Telefonnummer herausgeben würde. Gleichzeitig vermutete die Vergleichsgruppe der schwulen Männer mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass die schlanke Person unfreundliche reagieren würde und sich diese Ablehnung auch explizit auf das Gewicht der Person beziehen würde.

Beide Studien zusammengenommen ergeben ein unklares Bild: Einerseits besteht kein deutlicher Unterschied im Körperbild von homo- und heterosexuellen Männern, andererseits erleben schwule Männer häufig Bodyshaming und erwarten solches Verhalten eher als heterosexuellen Männer. Der Psychotherapeut Wood berichtet in seinem wissenschaftlichen Artikel ebenfalls von einer starken Körperunzufriedenheit schwuler Männer und verortet die Gründe hierfür in gesamtgesellschaftlichen Machtverhältnissen, die ihre Wirkmächtigkeit auch in diskriminierten Gruppen entfalten. Sexistische und heteronormative Strukturen würden unhinterfragt in Teilen schwuler Communities übernommen und in die Unterdrückung bestimmter Körper übersetzt. Dabei verweist Wood auf feministische Theorien, die die Körperunzufriedenheit bei Frauen auf Geschlechterverhältnisse und patriarchale Strukturen zurückführen.

Einen weiteren Erklärungsansatz bietet die Betrachtung von „Minority Stress“, bei dem die Faktoren untersucht werden, die für diskriminierte Personen zu Stress und Sorgen führen. Hier konnte eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2015 drei Faktoren von „Minority Stress“ mit der Körperunzufriedenheit bei schwulen Männern in Verbindung bringen: Stigmatisierungen, physische Gewalt und internalisierte Homofeindlichkeit. In einem weiteren wissenschaftlichen Artikel aus dem Jahr 2011 wird das von der Soziologin Raewyn Connell geprägte Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ als Erklärungsansatz für das muskulöse Körperideal schwuler Männer herangezogen. Hierbei wird betrachtet, wie Männlichkeiten gegeneinander konkurrieren und unterschiedlich stark von patriarchalen Strukturen profitieren können. Homosexualität wird dabei zur Abweichung der Norm des heterosexuellen Manns, weshalb dieser vermeintliche Makel durch einen besonders muskulösen Körper ausgeglichen werden soll. Ein eher historischer Erklärungsansatz bezieht sich auf die Folgen der AIDS-Krise, die in den 1980er Jahren eine ganze Generation schwuler Männer betraf. Aufgrund unzureichender politischer und gesundheitlicher Aufklärung wurde die Krankheit mit Homosexualität verbunden und der Gewichtsverlust und Muskelschwund, der ohne therapeutische Mittel durch die Krankheit auftritt, mit dem schwulen Körper als solchen. Um diesem Bild nicht zu entsprechen und die damit einhergehenden Stigmatisierungen und Diskriminierungen zu vermeiden, verfestigte sich das Ideal des möglichst starken und vermeintlich gesunden Körpers.

Die unterschiedlichen Erklärungsansätze und Studienergebnisse zeigen: Einen eindeutigen Ursprung eines möglichen schwulen Körperideals gibt es nicht, sondern eher eine Reihe psychologischer, historischer, soziologischer und feministischer Begründungen, die ineinandergreifen und unterschiedlich starke Auswirkungen haben können. Und vielleicht lohnt es sich auch eher zu überlegen, wie Körpernormen überwunden und das Körpergefühl diskriminierter Personen verbessert werden kann. Eine Möglichkeit hierfür ist das Comic-Buch „Rainbow Reflections“, dass 38 Geschichten über queere Körperbilder von cis- und trans Männern bereithält. Hier hat eine Studie ergeben, dass allein die Lektüre des Buches dazu geführt hat, dass die teilnehmenden Personen etwas zufriedener mit ihrem eigenen Körper waren und sich eher in der Lage fühlten, ein Gespräch über Körpernormen mit anderen betroffenen Personen anzuregen. Das zeigt: Körperideale sind gesellschaftlich konstruiert und verhandelbar, sie können also auch verändert werden.